Hino Horror 1 bis 4

Tipp der Redaktion Die Horror-Mangas von Hideshi Hino sind nichts für schwache Nerven

07.02.2008 Martin Höche

Hideshi Hino vermengt klaustrophobische Situationen und merkwürdige Verwandlungen mit einer gewaltigen Prise Brutalität zu einem erschreckenden Gemälde der Gesellschaft.

Die Verbindung von Horror und Manga tritt bei wenigen Autoren so deutlich hervor wie in den Werken des japanischen Mangakas Hideshi Hino. Allerdings stellt sich nach dem Lesen eines Hino-Mangas unweigerlich die Frage, was erschreckender ist: die vor Gewalt triefenden Zeichnungen oder die weitaus subtilere, weil strukturelle Gewalt, in der sich die Protagonisten befinden? In der mittlerweile vier Bände umfassenden Serie „Hino Horror“, in Deutschland erschienen im Sublabel shodoku des Comic-Verlages Schreiber & Leser, wird diese Frage immer wieder aufs Neue einer Überprüfung unterzogen. Für alle Bände gilt: Empfindliche Mägen sollten besser die Finger von Hideshi Hinos Geschichten lassen.

Ein doppelbödiges Spiel

Es ist ein doppelbödiges Spiel auf mehreren Ebenen, das Hino mit dem Leser treibt. Dabei erinnern die meisten Geschichten in ihrer Grundstruktur eher an die Form des Märchens als an blutrünstige Gemetzel. In „Hino Horror 1 – Red Snake“ gehtt es um einen kleinen Jungen, dessen inständiger Wunsch es ist, das mitten im Wald gelegene Anwesen der Familie zu verlassen. Ein durchaus verständlicher Gedanke, denn die Familienmitglieder sind auf ihre eigene Weise dem Wahnsinn verfallen. Doch damit nicht genug. Das Haus selbst erzeugt eine klaustrophobische Situation, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Bis auf besagten kleinen Jungen, der gleichzeitig der Erzähler der Geschichte ist, befällt alle Familienmitglieder der Lagerkoller. Eine Ausgangslage, die bei Hino geradezu zwangsläufig in einem Massaker endet.

Prädikat: Kafkaesk

In „Hino Horror 2 – Bug Boy“ thematisiert Hino, wie die Gesellschaft mit unangepassten Individuen umgeht: Sie werden als Außenseiter gebrandmarkt und mit Ausgrenzung bestraft. Dabei hat Sanpei, Hauptfigur in „Bug Boy“, lediglich eine Vorliebe für Insekten. Das mag man irgendwie ekelhaft finden, aber solche Präferenzen kratzen nicht unbedingt an den Grundfesten der Gesellschaft. Doch Sanpei erfährt eine entsprechende Behandlung: Er wird ausgegrenzt und zieht sich, nachdem er von einer Raupe gebissen wurde, mehr und mehr in seinen eigenen Kokon zurück und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Bis er sich schließlich selbst in eine Raupe verwandelt. Eine deutlichere Adaption von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ hat es wohl selten gegeben. Prädikat: Kafkaesk. Auch die Folgen bleiben konsequent im Timbre Kafkas. Jeder in seiner Familie hat mit eigenen Problemen zu kämpfen. Sanpei wird von seiner Familie gemieden und vor Besuchern versteckt – bis er schließlich ausbricht und grausame Rache nimmt.

Die Katze mit journalistischem Blick

„Hino Horror 3 – Black Cat“ sieht die Welt mit den Augen einer schwarzen Katze. Hier ist es also ein Haustier, das einen fragenden Blick auf die Menschen wirft und die Mechanismen im gesellschaftlichen Miteinander durchschaut. Erneut eine Außenseiterfigur, die jedoch diesmal neutral, ja fast journalistisch die offenen Wunden zutage fördert. Weitaus weniger brutal, trotzdem nicht minder schonungslos und entlarvend.

Ein Ende mit Schrecken

Hideshi Hino ist im Tokio der Nachkriegzeit aufgewachsen. Die Bilder seiner Jugend sind Bilder der Zerstörung. Einen explizit autobiographischen Einblick in sein Seeleninnenleben eröffnet Hino im vierten Teil der Hino-Horror Serie. In „The Collection 1“ sitzt er vor seiner imposanten Sammlung von in Alkohol eingelegten Organen und Extremitäten und präsentiert in lockerem Plauderton, wie er zu dem wurde, was er ist. Ein Mensch, bei dem Genie und Wahn nur durch eine winzige Trennlinie separiert sind. Hideshi Hino ist ein moderner Till Eulenspiegel, der erst selbst in den Spiegel schaut und dann der Gesellschaft den Spiegel ins Gesicht schmettert – auf dass sie die Scherben einsammle und sich die Finger daran zerschneide.

Hino Horror 1-4. Text und Zeichnungen: Hideshi Hino. Schreiber & Leser / shodoku 2007. Taschenbuch, Zeichnungen in schwarz-weiß. Euro 10,00 pro Band.

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Hino Horror 2 - Bug Boy, Schreiber und Leser / shodoku Hino Horror 2 - Bug Boy
Hino Horror 4 - The Collection 1, Schreiber und Leser / shodoku Hino Horror 4 - The Collection 1
 
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